Spirituelle Reinigung

Bei meinen online-Yogastunden habe ich viele verschiedene Stile ausprobiert. Und irgendwann dachte ich- wenn schon eine halbe Stunde alleine zuhause vorm Computer so einen Effekt hat, wie wäre es dann sich 4 Wochen hinein zu versenken? Und so meldete ich mich zu einem RYT200-Yogalehrertraining an. Es gab nur einen möglichen Zeitraum, daher war das mein Auswahlkriterium.

Hätte es mir zu denken geben sollen was ich auf der online-Seite gelesen hatte? Ja. Hat es mich davon abgehalten? Natürlich nicht.

Und so kam es wie es kommen musste.

Ich flog frohen Mutes nach Rio de Janeiro. Dass International Airport noch lange nicht bedeutet, dass die Tourist-Officer englisch können dämmerte mir erst vor Ort. Irgendwie schaffte ich es mit viel Gottvertrauen und dem Wörterbuch in die nächsten Flieger. Ich dachte auch naiverweise, dass Coca-Cola ein universell verständliches Getränke sei. Hier belehrte mich die Stewardess eines Besseren. Und irgendwie flog das Flugzeug auf der Karte im Bordcomputer einen ganz komischen Bogen. Umso größer meine Erleichterung als ich wirklich am richtigen Ort landete. Ilhéus. Menschen mit Yogamatten. Ich hatte es geschafft.

Was folgte war eine mehrstündige Fahrt in einem Bus. Umsteigen auf einem verlassenen Dorfplatz in einen Jeep. Durch den Dschungel. Aussteigen, damit der Jeep durch die Schlaglöcher kam. Und dann erreichten wir Piracanga.

Eine Kommune an der brasilianischen Küste. Gebaut, weil die Gründerin bei einem ungeborenen Baby die Aura las und dieses sagte "bau eine Schule und ein Dorf".

Ich sage nur: 3-Minuten-Umarmungen. Chakratänze. 

Veganes Essen von seiner unverdaulichen Seite. Dafür aber ohne Gewürze.

Wir erlebten 4 Wochen Luftschwangerschaft durch kalte Rohkost und Körner. Das Wasser konnte wegen Strommangel nicht abgekocht werden, dafür frönte es sein Dasein als bakterieller Nährboden in schwarzen Tanks auf dem Dach. Den wasserdünnen Durchfall circa 50 x pro Tag bezeichneten die Bewohner als "spirituelle Reinigung". Ich als Eiweißmangelödem durch Parasitenbefall. Ob das die Ursache war, dass eine Teilnehmerin Einhörner sah?

Auch Mücken, die einem bei der Meditation in Nase und Mund krabbelten stellten eine neue Interaktion mit den vielfältigen Wesen der Natur dar.

Und doch war es großartig. Anstrengend. Intensiv. Jeden Morgen um 6 Uhr auf der Matte und die Ashtanga Primary Series. 

Es schult die Demut ungemein, wenn alle um einen herum ihren Körper in schlangengleiche Posen verbiegen, während man selber versucht der "sitzenden Vorbeuge" zumindest halbwegs aufrecht sitzend mit Blick auf das weite Meer eine gewisse Würde zu verleihen.

Wir lachten und weinten zusammen. Und entdeckten, dass man von Pommes high werden kann.

Wir lernten von alten Geschichten und neuen Ideen. Und wuchsen bei unserer ersten Unterrichtsstunde über uns hinaus.

Auch wenn ich manchmal Dinge impulsiv entscheide. Ich glaube daran, dass das Universum uns dahin führt wohin wir sollen. Das egal wie schmerzhaft sich manches anfühlt wir die Lektionen lernen müssen, die für uns bestimmt sind. Und dass am Ende alles gut wird.